Teil 83 – Lucas und Lena und das Tor zu den Ferien
Am dreiundachtzigsten Abend war Lucas’ letzter Kindergartentag vorbei. Heute hatte er zum letzten Mal seine Jacke an den vertrauten Haken gehängt, zum letzten Mal im Morgenkreis gesessen und zum letzten Mal durch die Kindergartentür gewunken. „Jetzt sind Ferien“, sagte er im Bett, aber seine Stimme klang gleichzeitig fröhlich und ein bisschen traurig. Lena kuschelte sich neben ihn. „Und danach beginnt dein neues Kapitel als Schulkind.“
Lucas dachte an all die Jahre zurück: an Basteleien, Baustellen aus Bausteinen, Matschepfützen, Geburtstagslieder, Bücher und Freunde. Manche Erinnerungen fühlten sich groß an, andere ganz klein – aber alle waren in seinem Herzen geblieben. „Ich möchte nichts davon vergessen“, sagte er leise. „Das musst du auch nicht“, antwortete Lena. „Du nimmst es einfach mit, auch wenn du bald einen Schulranzen trägst.“
Da erschien am Fenster der Sternenfreund. Er leuchtete heute besonders warm, und hinter ihm funkelten viele kleine Sterne wie ein stilles Feuerwerk. Ein goldener Lichtbogen spannte sich vom Fenster bis über Lucas’ Bett. „Das ist das Ferientor“, sagte der Sternenfreund. „Es öffnet sich nur für Kinder, die ein Kapitel abgeschlossen haben und nun eine Pause brauchen.“
Lucas und Lena sahen, wie sich im Lichtbogen kleine Bilder bildeten: Lucas beim Spielen, beim Lachen, beim Lernen, beim Trösten und beim Entdecken. Jedes Bild wurde zu einem winzigen Stern und flog hinauf zum Sternenfreund. „Die Erinnerungen bleiben dort sicher“, erklärte er. „Und wenn du später an sie denkst, leuchten sie wieder ein bisschen heller.“
Dann öffnete sich das Ferientor ganz. Dahinter lag eine weite, ruhige Landschaft aus Sommerlicht: Wiesen, Wolken, warme Tage und ein Weg, der noch nicht verriet, wohin er führte. Am Anfang des Weges stand ein kleiner goldener Pfeil mit der Aufschrift: „Ferien“. Weiter hinten schimmerte ein zweites Tor. Darauf stand: „Schule – wenn du bereit bist.“
„Muss ich jetzt schon durch das Schultor gehen?“, fragte Lucas. „Nein“, sagte der Sternenfreund. „Heute beginnt erst einmal die Zeit, in der du ausschlafen, spielen, träumen und einfach Lucas sein darfst. Das neue Kapitel wartet auf dich. Es läuft nicht weg.“ Lena lächelte. „Dann können wir das alte Kapitel in Ruhe zuklappen.“
Lucas legte sich tiefer in die Decke und spürte, wie der letzte Kindergartentag langsam ruhig wurde. Er war nicht verschwunden – er lag nun wie ein schönes Buch in seinem Herzen. „Ich bin noch kein Schulkind“, murmelte Lucas, „aber ich bin schon unterwegs.“ Der Sternenfreund funkelte. „Und ich begleite dich durch die Ferien bis zum ersten Satz deines neuen Kapitels.“
Das Ferientor wurde kleiner und verwandelte sich in einen warmen Lichtpunkt über Lucas’ Bett. Lena schloss die Augen, Lucas gähnte, und draußen glitzerte der Sternenfreund über dem stillen Sommerhimmel. Der Schlaf kam wie eine weiche Ferienwolke, die sie beide davontrug – weg vom Kindergarten-Abschied, hinein in freie Tage und schöne Träume, während irgendwo am Horizont schon ganz leise das neue Schulkind-Kapitel auf Lucas wartete.

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