Teil 28 - Lucas und Lena und die Traumbrille
Am achtundzwanzigsten Abend wirkte die Wiese fast ein bisschen wie aus einem anderen Land, obwohl alles wie immer war. Lucas und Lena setzten sich nebeneinander ins Gras, ihre Sternenflaschen und die kleinen Hälften des Erinnerungssterns lagen zwischen ihnen. Oben funkelte ihr Sternenfreund still, als würde er überlegen, was er ihnen heute zeigen möchte.
Plötzlich löste sich ein feiner Lichtfaden aus seinem Leuchten und senkte sich langsam herab. Vor den Kindern formte sich daraus eine kleine, runde Brille, deren Gläser aus klarem Sternenlicht bestanden. Die Bügel waren so zart wie Spinnfäden, aber sie funkelten, als wären winzige Sterne darin versteckt. „Eine Traumbrille“, hauchte Lena.
Lucas setzte sie vorsichtig als Erster auf. In dem Moment veränderte sich die Wiese vor seinen Augen: Er sah nicht mehr nur Gras und Hügel, sondern zarte Schatten ihrer vergangenen Abenteuer – die Silhouette der Sternenschaukel zwischen zwei Bäumen, das schimmernde Wolkenboot am Himmel, die Regenbogenbrücke wie einen fern glühenden Bogen. Alles war durchsichtig und weich, als wolle es nur kurz „Hallo“ sagen.
Als Lena die Brille aufsetzte, sah sie noch etwas anderes. Zwischen den alten Bildern tauchten neue, ganz zarte Umrisse auf: ein Baumhaus im Sternenlicht, eine leuchtende Stadt am Meer, ein kleiner Zug aus Sternen, der über den Himmel fuhr. „Ich glaube, das sind unsere zukünftigen Abenteuer“, flüsterte sie. Der Sternenfreund antwortete mit einem warmen Puls aus Licht.
Sie gaben die Brille hin und her und beschrieben sich gegenseitig, was sie sahen. Manches war gleich, manches nur für einen von beiden bestimmt – wie geheime, aber freundliche Nachrichten. „Vielleicht zeigt sie jedem das, was ihm Mut macht“, überlegte Lucas.
Schließlich legten sie die Traumbrille vorsichtig zum Erinnerungsstern und den Fläschchen ins Gras. Die Brille wurde kleiner, bis sie aussah wie ein zarter Anhänger. Ein feiner Lichtfaden verband sie kurz mit jeder Sternenflasche – als würde ein Teil ihrer Traumkraft dort hineinfließen.
Im Bett legten Lucas und Lena ihre Erinnerungsstern‑Hälften, die Brille und die Fläschchen nebeneinander auf die Nachtkästchen. Das Licht mischte sich zu einem ruhigen, goldenen Schimmer, der das Zimmer füllte, ohne zu blenden. „Jetzt weiß ich, dass unsere schönsten Träume nicht vorbei sind, nur weil wir schon so viel erlebt haben“, sagte Lena leise.
So schliefen die beiden ein – mit dem Gefühl, dass irgendwo eine unsichtbare Traumbrille bereitliegt, ihnen in jeder Nacht zu zeigen, was war, was ist und was noch kommen kann, während ihr Sternenfreund als hellster Punkt geduldig über dem Haus wachte.

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