Skip to main content

Teil 68 – Lucas und Lena und die Kreise aus Licht

image.png

Am achtundsechzigsten Abend schienen die Sterne sich in unsichtbaren Kreisen zu ordnen, als würden sie heimlich etwas in den Himmel zeichnen.
„Vielleicht probt der Himmel eine neue Brücke“, flüsterte Lucas.
„Oder einen Regenbogen ohne Regen“, meinte Lena.
„Oder einen Kreis, der wieder bei uns anfängt“, sagte Emilia.

Als sie im Dunkeln im Bett lagen, zeichnete sich über ihren Decken ein runder Ring aus Licht ab.
Er war erst blass wie Mondglas, dann tauchten nach und nach Farben darin auf – Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Lila –, wie ein Regenbogen, der sich zu einem Kranz zusammengelegt hatte.
Der Ring wurde größer, schwebte nach unten und stellte sich wie ein leuchtender Reifen mitten ins Zimmer.
„Heute braucht ihr keine Treppen“, flüsterte eine warme Stimme. „Nur einen Schritt nach innen.“

Sie traten in den Kreis, und das Zimmer wurde durchsichtig, als wären die Wände aus Nebel.
Um sie herum entstand ein Boden aus Nacht, weich und dunkel.
Der Farbenring begann langsam zu kreisen; bei jeder Umdrehung legte sich eine Farbe wie ein dünner Schleier um sie.

Als Rot sie berührte, fühlte Lucas ein warmes Pochen – Erinnerungen an Momente, in denen er mutig gewesen war oder es gern gewesen wäre.
„Rot ist Mut“, murmelte er. „Auch der, den man noch übt.“
Orange brachte Lena ein Kribbeln in den Händen – all die Ideen und Quatschmomente.
„Orange ist Neugier“, sagte sie.
Gelb ließ ihre Bäuche leicht werden, voller Geburtstagslieder und gemeinsamer Lacher.
„Gelb ist, wenn man sich selber überrascht, wie doll man lachen kann“, fand Emilia.

Grün fühlte sich an wie ein tiefer Atemzug: Wiese, Baum mit Schaukel, der Geruch von Regen.
„Grün ist ‚Hier bin ich‘“, sagte Lucas.
Blau legte sich wie eine Lieblingsdecke auf ihre Schultern.
„Blau ist Ruhe“, flüsterte Lena. „Nicht langweilig, nur… ruhig.“
Lila schließlich war wie ein Geheimnisflüstern – all die Gedanken, die sie noch niemandem erzählt hatten.
„Lila ist der Teil von mir, den ich selber noch kennenlerne“, sagte Emilia.

Der Ring hörte auf, sich zu drehen.
Die Farben blieben wie unsichtbare Schichten auf ihrer Haut.
„Und der Kreis?“, fragte Lucas. „Wofür ist der da?“
„Manchmal braucht ein Abenteuer keinen neuen Ort“, sagte die Stimme. „Nur einen Kreis, in dem alles, was ihr erlebt habt, wieder zu euch zurückkommt – in Farben, die ihr kennt.“

Kurz sahen sie im Inneren des Rings die Regenbogen-Brücke von früher, den Lichtturm, die Bausteinstadt und die Wiese – wie bunte Schatten, die sich in der Mitte trafen.
„Was bleibt, wenn der Kreis verschwindet?“, fragte Lena.
„Der Weg zwischen euch“, antwortete die Stimme. „Denn jede Farbe leuchtet ein bisschen anders, wenn ihr sie gemeinsam erlebt.“

Der Ring zog sich zusammen, schwebte nach oben und wurde zu einem kleinen, schimmernden Reifen am Himmel, bevor er fast ganz verblasste.
Sie krochen zurück in ihre Betten.
„Welche Farbe war heute am wichtigsten?“, flüsterte Lena.
„Rot“, sagte Lucas. „Weil Mut manchmal heißt, auch ruhige Abende auszuhalten.“
„Blau“, meinte Lena. „Weil mein Kopf endlich leise geworden ist.“
„Lila“, flüsterte Emilia. „Weil ich mag, dass ich noch nicht alles an mir kenne.“

Der Schlaf fühlte sich an, als würden sie durch einen weichen, bunten Kreis gleiten, der sich am Ende schließen durfte – nicht, um sie festzuhalten, sondern um ihnen zu sagen:
„Alles, was du heute warst, darf in dieser Nacht einmal rund werden.“