Teil 69 – Lucas und Lena und der eine Stern
Am neunundsechzigsten Abend war Lucas so müde, dass er beim Zähneputzen fast eingeschlafen wäre.
„Heute hab ich keine Kraft mehr für Regenbögen oder Türme“, murmelte er.
„Muss ja auch nicht“, sagte Lena. „Vielleicht reicht heute ein ganz kleines Abenteuer.“
Emilia nickte. „Eins, das in einen einzigen Stern passt.“
Im Kinderzimmer wurde das Licht gelöscht, nur das Nachtlicht blieb an.
Sie kletterten ins Bett und drehten sich alle zum Fenster.
Der Himmel war klar, übersät mit Punkten.
„Sieht aus wie Konfetti“, flüsterte Lena.
Lucas kniff die Augen zusammen. Zwischen all den Sternen fiel ihm einer auf, der sich ein kleines bisschen vorgeschoben hatte – nicht heller, aber näher.
„Der da“, sagte er leise. „Heute will ich nur den.“
„Darf man sich einen Stern aussuchen?“, fragte Emilia.
„Bestimmt“, meinte Lena. „Die anderen sind ja trotzdem noch da.“
Sie beschlossen, nichts Lautes mehr zu sagen, damit der Abend nicht wieder zu voll wurde.
„Nur ein Satz pro Person“, schlug Emilia vor. „Aber ein echter.“
Lucas legte die Hände hinter den Kopf und dachte seinen Satz so deutlich, als würde er ihn aufschreiben:
„Danke, dass ich nicht perfekt sein muss.“
Er dachte an Matheaufgaben, die schiefgegangen waren, an Fahrgeschäfte, die er nicht gefahren war, und an all die Dinge, die trotzdem gut gewesen waren.
Der Stern vor dem Fenster schien in genau diesem Moment ein kleines bisschen zu zucken – als hätte er kurz „verstanden“ genickt.
Lena drehte sich halb auf die Seite, das Kinn auf dem Kissen.
Ihr Satz war: „Bleib da, auch wenn ich dich mal nicht anschaue.“
Sie dachte an Tage, an denen sie gar keine Zeit gehabt hatte, in den Himmel zu sehen, und an Abende, an denen sie wütend oder traurig gewesen war.
„Es ist schön zu wissen, dass du da bist, auch wenn ich grummelig bin“, fügte sie in Gedanken hinzu.
Der Stern blinkte einmal, ganz unaufgeregt, als Antwort.
Emilia schloss die Augen, bevor sie ihren Satz fand.
Sie spürte, wie der Tag noch ein bisschen in ihr herumrutschte – Legoland-Erinnerungen, Wiesen, Wolken, Farben.
Dann dachte sie: „Merk dir bitte, wie ich heute bin.“
Nicht nur die guten Teile, nicht nur die mutigen; auch die müden, die unsicheren, die leisen.
„Damit ich morgen weiß, dass ich gestern echt war“, dachte sie hinterher.
Draußen hing der ausgewählte Stern ganz still am Himmel, als hätte er sich auf seine Aufgabe konzentriert.
Er wurde nicht größer, kein besonderer Strahl schoss herunter – er war einfach da.
Ein einziges Mal blinkte er kurz kräftiger, dann leuchtete er wieder so unauffällig wie die anderen.
Als würde er sagen: „Hab ich gehört. Ich behalte es für euch.“
Im Zimmer wurde es sehr ruhig.
Lucas spürte, wie sein Körper schwerer wurde, während der Gedanke „nicht perfekt sein müssen“ in ihm nachklang.
Lena fühlte sich ein bisschen weniger verpflichtet, alles im Blick zu behalten – irgendwer da oben passte auch ein Auge auf sie auf.
Emilia hatte das Gefühl, als hätte jemand eine Kopie ihres heutigen Ichs in einem Lichtfach abgelegt, sicher und weich.
Der Schlaf kam, ohne großen Knall, wie ein leiser Vorhang.
Es fühlte sich an, als würden sie nacheinander in genau diesem einen Stern Platz nehmen – jeder auf seiner eigenen kleinen Lichtbank, aber alle im gleichen Sternenraum – und langsam die Augen schließen, während der Stern über ihnen Wache hielt.

No comments to display
No comments to display