Teil 62 – Lucas und Lena und der verlorene Abendstern
Am zweiundsechzigsten Abend hing der Himmel klar und tiefblau vor dem Fenster, aber Lucas sah eine winzige Lücke – genau an der Stelle, an der er gestern immer zuerst hingeschaut hatte.
„Vielleicht hat er frei“, meinte Lena. „Oder Dienst in der Bibliothek.“
Der Sternenfächer auf dem Nachttisch lag ganz still, als ginge ihn das nichts an.
Lucas konnte die Lücke nicht vergessen.
„Was ist, wenn der Stern wirklich weg ist?“, flüsterte er.
Emilia nannte es einen „Sternen-Pausenabend“.
Da vibrierte der Fächer kurz, und eine schmale Linie aus dunklem, fast unsichtbarem Licht zog sich vom Nachttisch bis zum Fenster – wie ein Weg, der nur andeutet, wohin er führt.
„Heute üben wir, etwas zu finden, das gerade nicht da ist“, sagte die leise Stimme des Sternenfreundes.
Neben dem Fenster erschien ein schmales schwebendes Buch mit tiefblauem Einband, auf dessen Rücken nur ein kleiner Punkt glänzte.
„Ein Abendsammelbuch“, erklärte er. „Für Abende, die sich unfertig anfühlen – so wie eurer.“
Auf der ersten Seite war oben die Lücke im Sternenhimmel zu sehen, darunter drei leere Sprechblasen.
„Ihr könnt den Stern zurück in den Himmel malen“, sagte der Sternenfreund, „aber nur, wenn ihr ihm vorher sagt, wofür ihr ihn braucht.“
Lucas begann: „Du musst heute nichts erfüllen. Du kannst einfach nur da sein.“
Seine Sprechblase füllte sich mit zart leuchtenden Worten.
Lena sagte: „Du darfst auch müde sein. Ich finde dich auch, wenn du leiser leuchtest.“
Ihre Worte legten sich wie eine rosafarbene Decke um die Lücke.
Emilia flüsterte: „Wenn du dich versteckst, erzähl ich mir heute selbst was Schönes über mich. Dann hast du frei.“
Ihre Sprechblase schimmerte gelb und setzte sich mitten in die Lücke, ohne sie ganz zu schließen.
Der Punkt auf dem Buchrücken begann zu funkeln, löste sich und kletterte am Fensterrahmen hinauf in den echten Himmel.
Die Lücke füllte sich, der Stern blinkte einmal kurz – wie ein kleines „Ich hab’s gehört“ – und leuchtete dann ganz ruhig weiter.
Das Abendsammelbuch schloss sich, blieb aber schwebend neben dem Fenster.
„Ihr könnt Abende hineinlegen, die sich unfertig anfühlen“, sagte der Sternenfreund. „Manchmal braucht ein Tag nur noch einen Satz oder einen Stern, um rund zu werden.“
Im Zimmer verblasste die dunkle Linie.
Lucas, Lena und Emilia krochen zurück in ihre Betten.
„Welcher Abend von dir gehört schon in so ein Buch?“, fragte Lena.
„Der, an dem ich dachte, keiner merkt, dass ich traurig bin“, murmelte Lucas.
„Und meiner, als ich wütend eingeschlafen bin“, sagte Lena.
„Ich hab einige“, flüsterte Emilia. „Aber eins nach dem anderen.“
Draußen funkelte der wiedergefundene Stern – nicht heller als die anderen, aber vertrauter.
Der Schlaf fühlte sich an wie eine Buchseite, die man sanft zuklappt, obwohl man weiß: Man kann sie jederzeit wieder aufschlagen, wenn ein Abend sich noch nicht ganz fertig anfühlt.

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