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Teil 36 - Lucas und Lena und der neue Morgen

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Am sechsunddreißigsten Abend wachten Lucas und Lena früher auf als sonst. Noch bevor die Sonne vollständig hinter den Hügeln verschwunden war, zog es sie nach draußen – nicht weil der Sternenfreund rief, sondern weil in ihren Herzen eine leise, kribbelnde Neugier war, die sich nicht mehr aufhalten ließ.

Die Wiese lag im letzten goldenen Licht des Tages, als hätte sie sich für etwas bereitgemacht. Und tatsächlich: Wo sonst die Lichtschale gewesen war, aus der sie in der vergangenen Nacht ihren Schatz dem Sternenfreund geschickt hatten, wüchsen jetzt drei kleine, leuchtende Pflanzentriebe aus dem Boden. Sie sahen aus wie gewöhnliche Glühkräuter – aber ihre Blattspitzen flimmerten in einem sanften Blau, als hätten sie Sternenlicht getrunken.

"Schau", flüsterte Lena und kniete sich hin. "Drei Stücke. Eines für dich, eines für mich – und eines für ihn." Sie berechnete es gar nicht lange, sie spürte es einfach. Lucas nickte langsam. Der Sternenfreund hatte ihnen keine Erinnerung weggenommen. Er hatte ihnen einen Samen hinterlassen.

Als der Himmel vollends dunkel wurde und der erste Stern erschien – ihr Sternenfreund, unverkennbar, ein bisschen heller als alle anderen – sendete er kein großes Zeichen. Kein Lichtstrahl, kein Feuerwerk. Nur ein ganz ruhiges, gleichmäßiges Leuchten, wie das Atmen von jemandem, der tief und sicher schläft. Und in diesem Leuchten lag etwas Neues: eine Frage. Nicht laut, nicht drohend – eher wie eine Einladung, die man im Gehen entdeckt.

"Er fragt uns etwas", sagte Lucas. Er spürte es im Bauch, warm und prickelnd, wie an dem allerersten Abend auf der Wiese. Lena schaute ihn an. "Wohin als nächstes?", sagte sie. Es war keine Überlegung – es war eine Antwort. Und irgendwo hoch oben leuchtete der Sternenfreund ein kleines bisschen heller, als hätte er genau das gehört.

Die drei leuchtenden Pflanzentriebe wiegten sich sanft im Abendwind. Lucas brach vorsichtig einen der drei kleinen Halme ab – und er leuchtete in seiner Hand weiter, ruhig und sicher wie ein Versprechen. Lena nahm den zweiten. Den dritten ließen sie stehen. Für den Sternenfreund. Oder für jemanden, den sie noch nicht kannten.

Als sie später ins Bett krochen und die leuchtenden Halme auf das Nachtkästchen stellten, sagte Lucas leise: "Ich glaube, das hier ist noch gar kein Ende." Lena lächelte, die Augen schon halb geschlossen. "Es ist ein Anfang", murmelte sie. "Wie immer."

Draußen auf der Wiese leuchtete der dritte Halm alleine in der Dunkelheit. Und hoch am Himmel, direkt über ihm, blinzelte der Sternenfreund – einmal, zweimal – als hätte er gerade erst begonnen, etwas ganz Wunderschönes zu erzählen.