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Teil 58 - Lucas und Lena und das Ausatmen der Tage

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Am achtundfünfzigsten Abend fühlten Lucas, Lena und Emilia sich schon beim Zähneputzen ein bisschen müde in den Gedanken, als hätten die Träume ihnen vorausgewinkt.
Der Sternenfächer lag still auf dem Nachttisch, doch um ihn herum glitzerte ein feiner Lichtrand – wie Krümel von Sternenstaub.

„Vielleicht ist er heute dran, uns auszuruhen“, murmelte Lucas.
„Oder wir ihn“, sagte Lena und gähnte so breit, dass ihr fast ein Stern hineinfallen konnte.
Emilia strich mit einem Finger an der Kante des Fächers entlang. „Nicht aufklappen“, flüsterte sie. „Heute hören wir nur zu.“

Statt sich zu öffnen, atmete der Sternenfächer einmal tief – so fühlte es sich jedenfalls an.
Ein warmer Luftzug strich durch das Zimmer, und an der Decke erschienen drei kleine, leuchtende Wolken, wie Gedankenblasen aus Licht.

In der ersten Wolke trug ein Kind einen schweren Schulranzen voller Taggedanken.
In der zweiten lag ein Kind in einem viel zu hellen Zimmer, in dem die Lampe nicht ausgehen wollte.
In der dritten turnten Zahlen und Buchstaben um ein Bett, als wüssten sie nicht, dass es längst Schlafenszeit war.

„Das sind keine verlorenen Träume“, flüsterte Lena. „Das sind müde Tage.“
„Die passen nicht ins Regal“, sagte Lucas. „Die brauchen…“
„…eine Pause vor dem Träumen“, ergänzte Emilia.

Die Stimme des Sternenfreundes kam diesmal wie aus den Kissen unter ihren Köpfen.
„Heute Nacht müsst ihr niemandem ein Wort schenken“, sagte sie. „Heute lernt ihr ein Geräusch.“
Die drei hielten automatisch den Atem an.

Es wurde noch stiller, so still, dass man hören konnte, wie draußen ein einzelner Tropfen vom Dach fiel.
In dieser Stille klang etwas ganz zart: ein langes, weiches Ausatmen, das durch das Zimmer glitt wie ein kleiner Wind.
„Das ist das Geräusch, wenn ein Tag den Ranzen absetzt“, sagte die Stimme.

Die Kinder in den Lichtwolken taten genau das:
Der Ranzen rutschte von den Schultern, die Lampe wurde zu einem warmen Nachtlicht, und die Zahlen und Buchstaben legten sich wie müde Käfer in eine Schublade.
Die Bilder wurden weich und dunkel, als ob jemand eine Decke aus Abend über sie legte.

„Manche Träume“, flüsterte der Sternenfreund, „kommen erst, wenn der Tag sich traut loszulassen.“
Der Sternenfächer glomm kurz auf, als würde er nicken.

Lucas stellte sich seinen eigenen Tag mit Ranzen vor und ließ ihn innerlich auf den Boden plumpsen.
Lena löschte in Gedanken die letzte helle Ecke ihres Zimmers.
Emilia sah ihre Zahlen und Buchstaben gähnen und flüstern: „Morgen weiter.“

„Wie klingt dein Ausatmen?“, fragte Lena in die Dunkelheit.
„Wie Meer“, murmelte Lucas.
„Wie Wind in Kissen“, sagte Lena.
„Wie Sterne, die blinzeln“, flüsterte Emilia.

Als sie die Augen schlossen, fühlte sich der Schlaf an wie eine kleine Bank vor dem Regal: der Ort, an dem man kurz sitzt, den Ranzen abstellt und tief durchatmet – bevor man sich einen neuen Traum aussucht.