Teil 57 - Lucas und Lena und der Zwischenraum der Träume
Am siebenundfünfzigsten Abend war die Luft im Kinderzimmer so still, dass man beinahe das leise Ticken der Sterne hätte hören können.
Lucas, Lena und Emilia lagen wach in ihren Betten, doch diesmal waren es nicht die Gedanken, die laut waren, sondern etwas anderes.
Der Sternenfächer auf dem Nachttisch vibrierte kaum sichtbar, als würde er im Schlaf mit den Seiten rascheln.
„Meint ihr, er träumt auch?“, flüsterte Lena.
„Vielleicht von uns“, murmelte Lucas. „Oder von den anderen Träumen in der Bibliothek.“
„Vielleicht wartet er nur auf das richtige Wort“, sagte Emilia.
Draußen hing der Mond tief am Himmel.
Zwischen den Sternen tauchten kleine wandernde Punkte auf – wie Pünktchen in einem Malbuch.
Einer löste sich und schwebte bis an ihr Fenster. Dort blieb er hängen und zeichnete einen leuchtenden Bogen, dann Zeichen, Haken, Kreise.
„Das ist eine Schrift“, hauchte Lena. „Die Traum-Schrift.“
Lucas kniff die Augen zusammen. „Ich kann sie nicht lesen.“
Der Sternenfächer klappte von allein ein Stück auf.
Ein Hauch Mondschein-Lesezeichen wehte heraus und legte sich wie eine zweite Zeile unter die Schrift.
Die Zeichen wurden zu Bildern:
Ein Kind mit zu vielen Gedanken im Kopf.
Eines vor einem vollgekritzelten Blatt.
Eines, das die Decke festhielt, als müsste es seine Ideen festknoten.
„Die finden ihren Platz nicht“, flüsterte Emilia.
Der Fächer vibrierte zustimmend.
„Vielleicht brauchen sie keinen neuen Traum-Ort“, sagte Lucas. „Sondern eine Lücke.“
„Eine Pause“, ergänzte Lena.
„Einen Atemzug“, sagte Emilia.
Die Schrift formte ein klares Wort am Fenster: „Zwischenraum.“
Die Stimme des Sternenfreundes kam leise aus dem Fächer:
„Manche Träume brauchen keinen Regalplatz. Sie brauchen einen Zwischenraum, damit sie wachsen. Heute seid ihr Platzmacher.“
Lucas legte seine Hand über das Kind mit den vielen Gedanken.
Zwischen den Linien entstand ein ruhiger, dunkler Streifen – wie eine Decke, unter die man kurz kriechen kann.
Lena strich über das vollgekritzelte Blatt, und mitten hindurch entstand ein freier Rand, an dem nichts stand.
Emilia berührte das Kind mit der Decke, stellte sich vor, sie würde leichter, und zwischen Händen und Decke entstand ein weiches Luftkissen.
Die Bilder flimmerten und zerfielen, das Wort „Zwischenraum“ blieb kurz stehen, dann rieselte es wie Staub vom Fenster.
Der Sternenfächer schloss sich wieder.
„Vielleicht schlafen diese Kinder heute Nacht nicht schneller“, sagte die Stimme. „Aber ihre Träume können atmen.“
Lucas kroch zurück ins Bett.
Lena zog die Decke nur halb hoch, damit noch Platz für ein bisschen Luft blieb.
Emilia legte die Hand mit gespreizten Fingern aufs Kissen, als würde sie dort eine unsichtbare Lücke freihalten.
„Wie heißt dein Zwischenraum?“, flüsterte Lena.
„Leise“, sagte Lucas.
„Noch-nicht“, murmelte Lena.
„Dazwischen“, flüsterte Emilia.
Und als sie einschliefen, fühlte sich der Schlaf an wie ein Regal, in dem überall kleine, weiche Zwischenräume gelassen worden waren – genau groß genug für all die Träume, die sich noch nicht ganz trauten, anzufangen.

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