Teil 60 – Lucas und Lena und das Sternenfest
Am sechzigsten Abend wachte Lucas schon vor dem Wecker auf. Noch bevor er die Augen öffnete, wusste er: Heute fühlte sich die Luft anders an – ein bisschen kribbelig, als würden unsichtbare Konfettis in seinem Zimmer schweben. Es war ein besonderer Tag: Lucas wurde heute sechs Jahre alt.
„Alles Gute zum sechsten Geburtstag“, murmelte Lena verschlafen aus dem Nachbarbett. Emilia streckte nur eine Hand hoch und formte mit den Fingern ein kleines, unsichtbares Feuerwerk. Den ganzen Tag über gab es Kuchen, Luftballons und Besuch – einen richtig fröhlichen Geburtstag, der sich bis in den Abend zog.
Als es endlich Zeit war, ins Bett zu gehen, fühlte Lucas sich gleichzeitig glücklich aufgeregt und müde. „Kann man überhaupt schlafen, wenn man gerade sechs geworden ist?“, fragte er. „Vielleicht gibt es ja eine Geburtstags-Pause zwischen Wachsein und Träumen“, meinte Lena. Emilia grinste. „Bestimmt weiß der Sternenfächer was davon.“
Der Sternenfächer lag heute nicht still. Schon auf dem Nachttisch sah er aus, als hätte jemand bunte Lichtpunkte zwischen seine Lamellen gestreut – nicht nur Sternenstaub, sondern auch winzige, glitzernde Luftballons aus Licht. Kaum war das Zimmer dunkel, klappte er ein kleines Stück auf.
Ein breiter Streifen aus Mondschein-Lesezeichen glitt heraus, aber diesmal war er nicht silbern, sondern sanft bunt, wie eine Regenbogenpfütze in der Nacht. Er drehte sich in der Luft zu einem leuchtenden Einladungsschein. Darauf standen nur drei Worte, die sogar Lucas im Halbdunkel lesen konnte: „Kommt zum Fest.“
Die drei Kinder setzten sich auf. „Ist das eine Party?“, flüsterte Lucas. „Nur, wenn wir leise feiern“, sagte Lena. Emilia nickte ernst. „Flüsterparty.“
Die Einladung faltete sich zu einer Tür aus Licht zusammen, direkt an der Wand neben dem Fenster. Wie ein Vorhang glitt sie zur Seite, und dahinter lag kein Flur, sondern der Himmel.
Sie traten hinaus – barfuß, in ihren Schlafanzügen – auf eine weiche Wolkenfläche. Über ihnen spannte sich der Nachthimmel, und diesmal waren die Sterne nicht nur Punkte, sondern winzige Lichterketten, die hin und her schaukelten. In der Mitte schwebte ein etwas größerer Stern, der freundlich lächelte: der Sternenfreund.
„Alles Gute zum sechsten Geburtstag, Lucas“, sagte er, und seine Stimme klang wie viele kleine Glöckchen, die nur einmal klingeln und dann leise nachschwingen. „Weil du heute Geburtstag hast, gibt es ein besonderes Fest: Nicht für dich allein, sondern für alle Geburtstage, die noch kommen.“
Um sie herum tauchten schimmernde Inseln aus Licht auf. Auf der ersten Insel sah Lucas sich selbst als kleineres Kind – wie er zum ersten Mal eine Kerze ausblies und heimlich dachte: Hoffentlich geht der Wunsch auch ohne Worte. Auf der zweiten Insel sah man eine Geburtstagstafel, an der ein Platz frei geblieben war, und jemand legte eine Hand auf genau diesen Stuhl, als würde er sagen: „Du fehlst uns, aber wir denken an dich.“ Auf der dritten Insel tanzten Kinder mit Papierkronen und schiefen Luftballons, lachten so sehr, dass man keinen Wunsch mehr hörte – weil er schon erfüllt war: zusammen sein.
„Geburtstage“, sagte der Sternenfreund, „sind wie helle Punkte im Jahr. Manche sind laut, manche leise. Heute Nacht dürft ihr aussuchen, was von deinem sechsten Geburtstag im Himmel leuchten soll.“
Lucas dachte an das große Geschenk, das er bekommen hatte, und an den Moment, als alle für ihn „Wie schön, dass du geboren bist“ gesungen hatten. „Ich nehm nicht das größte Geschenk“, sagte er langsam. „Ich nehm den Moment, als alle gleichzeitig geklatscht haben. Da hab ich mich innen warm gefühlt.“
Sofort bildete sich über ihm ein kleines Lichtbild: Lucas mitten im Wohnzimmer, umgeben von klatschenden Händen, und in seinem Bauch ein warmes, goldenes Glimmen. Das Bild stieg hinauf und hakte sich zwischen zwei Sterne, wie ein Geburtstagsschnappschuss aus Licht.
Lena wählte den Augenblick, in dem Lucas ihr ein Stück von seinem Lieblingskuchen rüberschob, ohne dass jemand ihn dazu aufforderte. „Das war ein ‚Ich bin froh, dass du da bist‘, auch wenn du es nicht gesagt hast“, meinte sie. Ihr Lichtbild zeigte zwei Teller, die sich berühren, und ein Stück Kuchen genau in der Mitte – geteilt, aber nicht halbiert.
Emilia suchte sich den Moment, als alle draußen auf dem Balkon standen und auf den Sternenhimmel schauten, weil das Licht für die Geburtstagskerzen kurz ausgegangen war. „Da wart ihr alle ganz nah, und ich hab die Sterne durch die Fenster gesehen“, flüsterte sie. Ihr Bild war ein Balkon voller Schattenmenschen, dahinter ein Himmel mit extra vielen funkelnden Punkten.
Die drei Lichtbilder ordneten sich nebeneinander. Der Sternenfreund pustete einmal ganz sanft dagegen, und die Bilder verwandelten sich in drei bunte Sternchen, die sich um Lucas’ Stern drehten – wie kleine Geburtstagskerzen am Himmel.
Langsam wurde der Wolkenboden unter ihren Füßen weicher, als würde er sie zurück ins Bett tragen. Die Lichterketten der Sterne dimmten sich, bis sie wieder wie ganz normale Sternchen aussahen. Der Sternenfreund zwinkerte ein letztes Mal. „Schlaf gut, Geburtstagskind. Morgen ist ein ganz normaler Tag – und das ist auch ein Geschenk.“
Im nächsten Augenblick lagen sie wieder in ihren Betten. Der Sternenfächer war geschlossen, aber ein winziger bunter Punkt leuchtete auf seinem Deckel, wie der Rest einer Konfetti-Nacht. „Feierst du weiter?“, flüsterte Lena. „Nur ein bisschen“, murmelte Lucas und kuschelte sich tiefer in seine Decke. Emilia lächelte im Halbschlaf. „Der Himmel merkt sich deine sechs Jahre jetzt“, flüsterte sie.
Der Schlaf fühlte sich an wie eine leise, lange Geburtstagsmelodie, die irgendwo ganz weit oben weiterklingt, auch wenn unten im Zimmer schon alle Lichter aus sind.

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