Teil 59 – Lucas und Lena und die leisen Wünsche
Am neunundfünfzigsten Abend war es im Kinderzimmer so dunkel, dass die Schatten wirkten, als würden sie selbst müde in den Ecken sitzen.
Lucas, Lena und Emilia lagen im Bett, doch irgendetwas fühlte sich „unfertig“ an – wie ein Satz ohne Punkt.
Der Sternenfächer stand halb geöffnet auf dem Nachttisch, als hätte ihn jemand beim Einschlafen vergessen.
Zwischen seinen Lamellen glomm ein schwaches Licht, eher wie ein tiefes Einatmen als wie ein Funken.
„Vielleicht hat er heute keine Idee“, flüsterte Lucas.
„Oder zu viele“, meinte Lena.
Emilia legte die Hand auf den Fächer. „Vielleicht will er nur zuhören“, sagte sie leise.
Die Dunkelheit im Zimmer wurde ein bisschen heller, als hätte jemand einen Wunsch in die Luft gehaucht.
Über jedem Bett erschien ein kleines, rundes Schimmern – wie ein Glühwürmchen hinter einem Vorhang.
„Das sind Wünsche, die sich nicht trauen, laut zu werden“, sagte die vertraute Stimme des Sternenfreundes, unsichtbar hinter der Tapete.
Über Lucas’ Bett sah man einen Jungen im Klassenzimmer, der sich wünschte, sich einmal zu melden, ohne dass ihm das Herz bis in die Ohren schlug.
Über Lenas Bett ein Mädchen mit einem kaputten Lieblingsspielzeug, das sich wünschte: „Bitte wirf mich nicht einfach weg.“
Über Emilias Bett ein Kind, das die Erwachsenen streiten hörte und sich nur wünschte, jemand würde sagen: „Du bist nicht schuld.“
„Noch keine Träume“, murmelte Lucas.
„Noch nicht“, sagte der Sternenfreund. „Es sind leise Wünsche, die ihr heute Nacht mit einem Satz stärken könnt. Kein Zauberwort – nur ein Satz, den ihr selbst gern hören würdet.“
Über jedem Bett entstand eine kleine, leuchtende Sprechblase.
„Zu dem Jungen sag ich: ‚Du darfst langsam mutig sein‘“, flüsterte Lucas.
„Zu dem Mädchen: ‚Wir werfen nichts weg, was dir wichtig ist‘“, sagte Lena.
Emilia atmete tief ein. „Zu dem Kind: ‚Ich bleibe, bis du wieder ruhig atmen kannst‘.“
Die Sätze leuchteten auf, glitten in die Bilder und machten sie wärmer, weicher.
Dann falteten sich die Szenen zu winzigen Lichtpunkten, schwebten durch die Decke und hinaus in den Sternenhimmel – dorthin, wo die Bibliothek der Träume leise Regale für neue Geschichten bereithielt.
„Manche Träume beginnen als Wünsche, die niemand hört“, sagte der Sternenfreund. „Wenn ihr ihnen einen Satz schenkt, finden sie den Weg in die Nacht.“
Der Sternenfächer wurde wieder ganz still.
„Welchen Satz wünschst du dir heute?“, fragte Lena.
„Du musst heute nichts beweisen“, murmelte Lucas.
„Du darfst traurig sein und trotzdem gut schlafen“, sagte Lena.
„Morgen wartet auch noch Zeit auf dich“, flüsterte Emilia und schloss die Augen.
Der Schlaf fühlte sich an wie eine weiche Zwischenzeile in einem großen Buch – ein Platz, in dem alle leisen Wünsche nebeneinander liegen durften, bis sie den Mut fanden, zu Träumen zu werden.

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