Teil 46 - Lucas und Lena und die leuchtende Spur
Am sechsundvierzigsten Abend wirkte die Wiese schon beim Ankommen anders.
Zwischen den drei Halmen hatte sich eine schmale, schimmernde Linie gebildet, die wie ein winziger Pfad aus Sternenfunken quer über das Gras führte.
"Die Insel ruft", sagte Emilia sofort.
Lucas und Lena stellten sich zu ihr, die Halme in der Hand.
Als alle drei gleichzeitig einen Schritt auf die Funkenlinie machten, wurde sie breiter – und das Sternenkarussell wuchs direkt aus dem Licht empor, als hätte es nur darauf gewartet.
Dieses Mal mussten sie gar nichts sagen.
Kaum standen sie im Ring, hob er sanft ab und trug sie durch die Nacht, bis die Insel zwischen Himmel und Meer unter ihnen auftauchte – vertraut und doch ein bisschen verändert.
Der Strand glitzerte jetzt, als hätte jemand Sternenstaub hineingemischt.
An den Sternenpflanzen hingen weniger Tropfen, aber einige leuchteten besonders hell, jeder in einem anderen Farbton.
"Das sind die, die wir gestern losgeschickt haben", flüsterte Lena.
Sie liefen zu einer der Pflanzen, deren Tropfen in Emilias ruhigem Blau schimmerte.
Als Emilia ihren Halm daran hielt, zeigte der Tropfen eine kurze, klare Szene: ein Kind, das abends am Fenster stand und plötzlich zum Himmel lächelte, ohne genau zu wissen, warum.
"Das ist mein Stern", sagte sie leise. "Und das ist das Kind darunter."
Lucas und Lena fanden ihre eigenen Farben wieder – gold für Lucas, rosig für Lena.
In Lucas’ Tropfen sah man eine Wiese mit einem unsicheren Jungen, der im Dunkeln nicht so gern allein draußen war; in Lenas Tropfen ein Mädchen, das seinen kleinen Bruder mit einer Decke aus Papiersternen zudeckte.
"Unsere Sterne passen zu ihnen", stellte Lucas fest.
"Und sie passen zu uns", ergänzte Lena.
Der Sternenfreund blinkte zustimmend.
Aus den drei Tropfen lösten sich winzige Funken, die wie Unterschriften in den Himmel aufstiegen – ein goldener, ein rosafarbener, ein blauer.
"Jetzt wissen unsere Sterne, wer ihnen heimlich Mut schickt", sagte Emilia.
Als sie später mit dem Karussell zurück zur Wiese schwebten, sahen sie für einen Moment drei Sterne fast gleichzeitig aufleuchten – weit voneinander entfernt und doch verbunden.
"Das da oben", murmelte Lucas, "sind unsere leuchtenden Spuren."
"Und irgendwo unten drunter liegen Kinder im Bett und fühlen sich heute Abend ein bisschen weniger allein", fügte Lena hinzu.
Emilia lächelte.
"Vielleicht schreiben sie irgendwann auch ihre eigenen Geschichten über den Himmel", sagte sie.
Der Sternenfreund antwortete mit einem langen, warmen Blinzeln, als würde er genau darauf warten.

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