Teil 26 - Lucas und Lena und die Flüstertreppe
Am sechsundzwanzigsten Abend war die Wiese ganz still, nur ihre Sternenflaschen glommen noch schwach im Gras, als Lucas und Lena sich hinsetzten. Hoch oben funkelte ihr Sternenfreund, heute eher leise als laut, wie ein ruhiger Atem am Himmel.
Plötzlich zeichnete sein Licht eine schmale Linie in die Dunkelheit, die direkt vor den Kindern im Nichts endete. Aus der Linie wuchsen nach und nach kleine, leuchtende Stufen – eine zarte Treppe aus Sternenlicht, die nicht nach oben, sondern in den Himmel hinein zu führen schien. „Eine Flüstertreppe“, flüsterte Lena automatisch, als hätte der Name sich selbst in ihren Kopf gesetzt.
Vorsichtig stiegen die beiden hinauf. Jede Stufe fühlte sich warm an und machte ein kaum hörbares „pling“, als würden winzige Glöckchen klingen. Mit jedem Schritt wurde die Welt unter ihnen leiser, und über ihnen tauchten mehr Sterne auf, bis sie mitten in einem weichen, schimmernden Dunkel standen.
Dort oben merkten sie, dass die Treppe gar nicht zu einem Ort führte, den man sehen konnte – sondern zu einem Gefühl. Wenn sie den Fuß auf eine Stufe setzten, hörten sie plötzlich ein leises Geflüster: „Du bist mutig“, hauchte eine Stufe Lucas zu. „Du bist wichtig“, flüsterte eine andere an Lenas Ohr. Bei jeder neuen Stufe kam ein kleiner, freundlicher Satz hinzu, der genau dorthin passte, wo tagsüber manchmal Zweifel waren.
Schließlich blieben sie auf einer besonders hellen Stufe stehen. Von hier aus konnten sie direkt in das sanfte Leuchten ihres Sternenfreundes schauen, der größer wirkte als sonst und trotzdem ganz vertraut. „Vielleicht ist das die Stelle, von der aus er uns immer sieht“, murmelte Lucas. Lena nickte, und für einen Moment fühlte sich alles in ihnen ganz leicht und richtig an.
Langsam führte die Treppe sie wieder hinunter, Stufe für Stufe, bis sie wieder mit beiden Füßen im Gras standen. Hinter ihnen löste sich die Flüstertreppe in feinen Staub auf, der sich wie Glitzer über die Wiese legte. Nur in ihren Herzen blieb jede einzelne Botschaft klar.
Im Bett lagen sie diesmal ganz still nebeneinander. „Immer wenn ich an mir zweifle, stell ich mir einfach vor, dass ich wieder eine Stufe hinaufsteige“, sagte Lucas leise. „Und ich hör dann, was sie mir zuflüstert“, antwortete Lena. So schliefen die beiden ein – als würden unsichtbare Sternenstufen direkt aus ihren Träumen in den Himmel führen.

No comments to display
No comments to display