Teil 84 – Lucas und Lena und der Ferienatem Am vierundachtzigsten Abend waren Lucas und Lena mitten in den Ferien. Kein Kindergartenwecker klingelte, kein Ranzen stand bereit, und niemand musste sich beeilen. Lucas lag quer auf dem Bett, Lena hatte sich eine Decke wie ein Zelt über die Knie gelegt. „Ferien fühlen sich an wie ein ganzer Tag ohne Ende“, sagte Lucas zufrieden. „Aber ein schöner ohne Ende“, ergänzte Lena. Am Nachmittag hatten sie draußen gespielt, gelacht und sich zwischendurch einfach ins Gras gelegt. Lucas hatte den Wolken Namen gegeben, Lena hatte in jeder Wolke eine Figur entdeckt. Als der Abend kam, fühlte sich der Tag noch warm und weit an – wie eine Sommerwiese, die langsam still wird. Doch in Lucas’ Bauch kitzelte bereits der Gedanke an die Schule, die nach den Ferien auf ihn wartete. Da erschien am Fenster ihr Sternenfreund. Er leuchtete so ruhig, dass sogar die letzten Gedanken langsamer wurden. „Heute müsst ihr nirgendwo ankommen“, sagte er. „Ferien sind wie ein tiefer Atemzug zwischen zwei Kapiteln.“ Mit einem kleinen Funkeln schickte er eine goldene Wolke ins Zimmer, die sich über Lucas und Lena ausbreitete. Lucas atmete ein und stellte sich vor, er würde den Sommer einatmen: warme Luft, freie Tage, Lachen und Abenteuer. Beim Ausatmen ließ er alles los, was heute noch drängelte. Lena machte es genauso. „Das ist ein Ferienatem“, flüsterte der Sternenfreund. „Er erinnert euch daran, dass man auch dann unterwegs sein kann, wenn man einfach nur liegt.“ Über ihren Betten erschienen kleine Bilder: ein Spiel, ein Lachen, ein besonders schöner Moment und irgendwo ganz hinten das ferne Schultor. Es war nicht verschwunden, aber es kam nicht näher. „Die Schule wartet geduldig“, sagte der Sternenfreund. „Bis dahin gehören euch die Ferien – jeder Tag, jede Wolke und jeder Traum.“ Lucas lächelte schläfrig. „Dann bin ich heute einfach Lucas.“ Lena kuschelte sich tiefer in ihre Decke. „Und ich einfach Lena.“ Der Sternenfreund funkelte zustimmend, und die goldene Wolke wurde weich wie ein Kissen. So schliefen sie ein – mitten in den Ferien, getragen von Sommerträumen, während der Sternenfreund über ihnen wachte und das neue Schulkapitel noch ein bisschen warten durfte.