Teil 82 - Lucas und Lena und die vier Sternen-Tage
Am zweiundachzigsten Abend war Lucas ganz stiller als sonst.
Noch vier Tage, dann geht der Kindergarten zu Ende, und in seinem Bauch saßen gleichzeitig Vorfreude und ein kleines Ziepen.
„Heute war der Abschied ganz nah“, murmelte er im Bett.
Lena rückte ein Stück näher. „Dann brauchst du heute bestimmt einen Abend, der alles ein bisschen weich macht.“
Im Kindergarten hatte es eine besondere Abschiedsrunde gegeben.
Die Kinder saßen im Kreis, schauten auf ihre Portfolios, lachten über alte Bilder und durften erzählen, was sie am Kindergarten am meisten mochten.
Lucas hatte seine Lieblingsmomente aufgezählt: Bauen, Rennen, Matschen, Vorlesen, und natürlich die Freunde.
„Und bald die Schule“, sagte die Erzieherin freundlich, „aber noch nicht heute.“
Da flackerte am Fenster ihr Sternenfreund auf, warm und klein wie eine ruhige Laterne.
Er zog einen dünnen Lichtfaden durchs Zimmer, und daran hingen vier kleine Sternenanhänger – einer für jeden der letzten Kindergartentage.
„Die nächsten vier Abende dürft ihr nacheinander einen Stern abhängen“, erklärte die vertraute Stimme. „Jeder Stern trägt einen kleinen Abschieds-Moment.“
Lucas nahm den ersten Stern in die Hand.
Darin schimmerte das Bild vom Morgenkreis, das gemeinsame Lachen und ein großes „Wir sehen uns morgen wieder“.
„Das war heute“, sagte er leise.
Lena nahm den zweiten Stern und fand darin das Gefühl von Sicherheit: denselben Raum, dieselben Stimmen, dieselben Türen, die er schon so gut kannte.
„Manchmal ist das Vertraute wie eine Decke“, murmelte sie. „Auch wenn man weiß, dass sie bald anders gefaltet wird.“
Dann zeigten die anderen Sterne kleine Vorschauen:
Ein Stern für den letzten Basteltisch, einer für das letzte Aufräumen im Kindergarten, einer für das letzte Winken an der Tür.
„Das sind keine schweren Sterne“, erklärte der Sternenfreund. „Das sind Merkhilfen. Damit ihr nichts verliert, was euch wichtig war.“
Lucas spürte, wie das Ziepen im Bauch weicher wurde.
„Dann ist Abschied nicht nur traurig“, sagte er, „sondern auch voll von Erinnerungen.“
Der Sternenfreund ließ den Lichtfaden langsam heller werden, bis er aussah wie eine kleine Brücke zwischen Kindergarten und Schule.
„Ihr müsst heute nichts loslassen“, flüsterte er. „Nur Platz schaffen für morgen, ohne heute zu vergessen.“
Lucas und Lena schlossen die Augen und hörten dem leisen Funkeln zu.
Der Schlaf kam wie ein sanfter Kreis, in dem alle wichtigen Kindergartenmomente noch einmal nebeneinander saßen – und der Sternenfreund neben ihnen wachte, bis der neue Morgen ganz von selbst an die Tür klopfen würde.