Teil 74 – Lucas und Lena und die Sternenbibliothek Am vierundsiebzigsten Abend fühlte sich Lucas an, als wären in seinem Kopf noch tausend Gedanken-Bücher offen. „Meine Seiten rascheln noch“, murmelte er. „Bei mir auch“, sagte Lena. Emilia lächelte. „Vielleicht braucht ihr heute einen Büchereiausweis vom Stern.“ Sie schauten zum Fenster. Ihr Sternenfreund funkelte, als trüge er kleine, leuchtende Buchrücken um sich herum. Ein sanfter Lichtstreifen kam ins Zimmer, flüsterte fast „Schhhhh“ und formte ein Tor aus Licht. Dahinter schwebten Reihen von Sternen-Büchern. „Willkommen in der Sternenbibliothek eurer Tage“, sagte die vertraute Stimme. „Hier liegen alle Bücher, die ihr heute gedacht und gefühlt habt. Wir sortieren nur – wir lesen nicht alles neu.“ Ein Regal mit Lucas-Büchern glitt näher: „Mut“, „Ich kann das nicht“, „Lachen“, „kurzer Ärger“, „stiller Moment“. „Du darfst drei auswählen, die vorne stehen sollen“, erklärte der Sternenfreund. Lucas nahm „Lachen“, dann „Mut“. Beim dritten entschied er sich für „stiller Moment“ – den Augenblick, in dem er einfach ruhig da gewesen war und sich trotzdem richtig gefühlt hatte. „Lachen, Mut und Stille – gute Vorderseite für einen Tag“, sagte die Stimme. Die drei Bücher legten sich wie weiche Bilder an Lucas’ Herz. „Ich kann das nicht“ und „kurzer Ärger“ rutschten von selbst ein Regal tiefer. „Die sind nicht weg“, erklärte der Sternenfreund. „Aber sie müssen heute Nacht nicht vorne stehen.“ Lucas atmete auf. „Das fühlt sich an, als würde jemand meinen Kopf aufräumen.“ Dann war Lenas Regal dran: „Aufpassen“, „Verantwortung“, „Spaß“, „Alles muss klappen“, „Ich nerv mich selber“. Sie nahm „Spaß“, dann „Aufpassen“ – und schließlich ein verstaubtes Buch: „Es muss nicht alles klappen“. Die strengeren Bände wanderten nach unten, ins Regal „Muss nicht heute wichtig sein“. „Du warst sehr wachsam“, sagte der Sternenfreund. „Jetzt darf deine Wachsamkeit schlafen gehen.“ Die Regale schoben sich zurück. Lucas’ und Lenas ausgewählte Bücher wurden zu kleinen Lichtpunkten und flogen zum Stern am Himmel. „Wir bewahren eure Tages-Bibliothek gut auf“, flüsterte die Stimme. „Ihr müsst sie nicht alleine tragen.“ Das Tor schloss sich wie eine Buchseite. Im Zimmer blieb nur ein sanfter Schimmer. Lucas’ Kopf fühlte sich leicht und sortiert, Lenas Gedanken standen ruhig wie Bücher in einem Regal. Der Sternenfreund funkelte wie eine kleine Leselampe. „Gute Nacht, Bibliothekskinder“, sagte er. Der Schlaf kam wie das langsame Zuklappen eines sehr lieben Buches, und Lucas und Lena ruhten, als würden sie zwischen geordneten Sternenseiten träumen.