Teil 73 – Lucas und Lena und die Sternenuhr Am dreiundsiebzigsten Abend fühlte Lucas sich, als wäre der ganze Tag zu schnell an ihm vorbeigerannt. „Eben war noch Morgen, und jetzt soll ich schon schlafen“, murmelte er im Bett. Lena zog die Decke bis zur Nase. „Ich glaube, dein Tag hatte Turbo-Schub.“ Emilia schaute zum Fenster. „Vielleicht weiß euer Stern ja, wie man Zeit langsamer macht.“ Draußen hing ihr vertrauter Sternenfreund am Himmel. Heute sah er ein bisschen anders aus – als hätte er feine Linien um sich herum, wie winzige Zeiger. Lucas blinzelte. „Ich glaube, der Stern hat eine Uhr angezogen“, flüsterte er. In dem Moment kam ein leiser Lichtschimmer durch das Fenster und legte sich wie ein dünner Schleier über das Kinderzimmer. Die Dunkelheit fühlte sich plötzlich weicher an. Vor den dreien erschien etwas Rundes in der Luft: eine Uhr ohne Zahlen, nur mit kleinen Sternpunkten rundherum. In der Mitte leuchtete derselbe Stern, den sie vom Himmel kannten – ihr Sternenfreund. „Das ist eure Sternenuhr für heute“, sagte seine ruhige, vertraute Stimme. Die Sternenuhr begann sich ganz langsam zu drehen. „Jeder Sternpunkt ist ein Moment von eurem Tag“, erklärte der Sternenfreund. „Wir gehen sie nicht neu durch, wir machen sie nur sanft.“ Lucas spürte Gefühle an sich vorbeiziehen: Lachen beim Frühstück, Rennen auf dem Flur, ein kurzer genervter Seufzer. Lena fühlte die bunten, aber lauten Eindrücke des Tages wie in Watte gepackt. Emilia nahm die kleine Aufregung und die müde Freude wahr, die im Bauch noch hüpfte. Als ein besonder heller Sternpunkt vorbeikam, blieb die Uhr stehen. Lucas wusste sofort, welcher Moment das war – einer, in dem er stolz gewesen war und gleichzeitig unsicher, ob er „gut genug“ war. „Der war sehr schnell“, sagte der Sternenfreund. „Wollt ihr ihn einmal in Sternen-Zeit sehen?“ Lucas und Lena nickten gleichzeitig. Die Sternenuhr zog diesen Punkt in die Mitte. Plötzlich wirkte der Moment länger, als hätten sie heimlich Zeit dazugegeben: Lucas sah sich selbst aus Ruhe heraus – wie er da stand, wie sein Herz klopfte, wie viel Mut es eigentlich war, überhaupt „ich“ zu sein. Lena betrachtete ihn in Gedanken: „Wenn man langsamer guckt, merkt man, wie stark du bist.“ „Wenn man langsamer guckt, ist mehr Mut drin“, dachte Lucas. Der Sternenfreund flüsterte: „Genau. Manchmal braucht Mut einfach eine langsamere Uhr." Dann drehte sich die Sternenuhr weiter, noch langsamer. Ein etwas dunklerer Sternpunkt blieb stehen – ein kleiner Streit, ein genervtes Wort, eine Sekunde, in der Lucas und Lena sich gegenseitig blöd fanden. „Den möchte ich schneller machen, damit er weg ist“, sagte Lucas spontan. „Und ich auch“, murmelte Lena. „Wir machen ihn nicht weg“, antwortete der Sternenfreund. „Wir machen ihn weicher.“ Der dunklere Sternpunkt wurde von innen warm. Lucas spürte, wie sein Bauch nicht mehr so hart wurde, wenn er an den Streit dachte. Lena fühlte, dass der Ärger nicht mehr stach, sondern eher wie ein kleines, zerknittertes Blatt dalag. „Das gehört auch zu eurem Tag“, sagte die Stimme. „Aber es muss nicht scharf sein.“ Lucas holte tief Luft. „Ich war heute auch mal doof“, dachte er. Lena nickte leise. „Ich auch. Und trotzdem sind wir wir.“ Die Sternenuhr setzte sich erneut in Bewegung. Nach und nach wurden alle Sternpunkte ein bisschen heller – nicht glitzernd, sondern ruhig, wie Lichter in einem Haus, die jemand auf warmes Abendlicht gestellt hat. „Jetzt ist euer Tag bereit zum Schlafen“, erklärte der Sternenfreund. „Nicht weg, nur ruhiger.“ Langsam schrumpfte die Sternenuhr. Sie wurde kleiner und kleiner, bis sie sich in zwei winzige Lichtpunkte teilte. Einer setzte sich über Lucas’ Herz, der andere über Lenas Herz, ohne zu brennen oder zu drücken. „Was ist das?“, flüsterte Lena. „Zwei Sternenuhren in euch“, antwortete die Stimme. „Damit ihr wisst: Ihr dürft eure Zeit langsamer fühlen als alle anderen – jede auf eure eigene Art.“ Lucas legte die Hand auf seine Brust. Es fühlte sich an, als würde dort etwas sehr Freundliches ganz langsam atmen. Lena tat das gleiche und spürte, wie der Tag nicht mehr rannte, sondern spazieren ging. „Dann müssen wir nicht alles schaffen, was der Tag von uns will“, murmelte Lucas. „Nein“, sagte der Sternenfreund. „Nur das, was eure Sternenuhren schaffen.“ Emilia hatte die Sternenuhr als weiches Leuchten gesehen und lächelte. „Irgendwas hat sich beruhigt“, sagte sie. „So, als würde der Tag jetzt nicht mehr flitzen, sondern sich auf eine Bank setzen.“ Lucas drehte sich ein Stück zum Fenster. „Meine Zeit ist jetzt im Sternentempo“, flüsterte er. „Unsere“, verbesserte Lena und stupste ihn sanft. Der Schlaf kam wie ein ganz langsamer Spaziergang durch einen ruhigen Abend. Es fühlte sich an, als würden Lucas und Lena in einem Haus mit vielen Zimmern einschlafen, in denen ihr Tag vorsichtig aufgeräumt war – nicht perfekt, aber so, dass überall ein kleines Sternenlicht brannte, bereit, sie morgen wieder freundlich zu begrüßen.