Teil 70 – Lucas und Lena und die Kugelbahn der Träume Am siebzigsten Abend war Lucas noch ganz voll von einem neuen Spiel: einer Kugelbahn, die aussah wie ein Mario-Level, mit Loopings, Fallen und winzigen Flaggen am Ende. „Wenn meine Gedanken heute Nacht so herumkugeln wie die Murmel, schlafe ich nie ein“, seufzte er. „Vielleicht brauchen sie nur eine eigene Bahn“, schlug Emilia vor. Im Dunkeln im Kinderzimmer leuchtete plötzlich ein kleiner Punkt neben dem Bett auf – rund, golden, etwa so groß wie eine Murmel. Er rollte keinen Zentimeter, sondern schwebte langsam nach oben. An der Wand gegenüber erschien eine leuchtende Bahn, die an eine Mischung aus Murmelbahn und Mario-Welt erinnerte: sanfte Kurven, kleine Brücken, ein Looping, winzige Wolken-Plattformen – alles aus Licht. „Eine Kopf-Kugelbahn“, flüsterte Lena. Die goldene Murmel setzte sich oben auf den Startpunkt. „Das ist dein Tag“, sagte eine leise Stimme. „Wir lassen ihn einmal durchlaufen, dann darf er schlafen.“ Die Murmel rollte los. An der ersten Kurve blitzte ein Bild auf: Lucas, der gelacht hatte, als die echte Kugelbahn fast zusammengebrochen wäre und sie sie gemeinsam retteten. „Lieblingsmoment“, murmelte er, und die Kurve wurde weich und hell. Weiter unten kam der Looping – dort tauchte der Moment auf, als ihm alles zu viel gewesen war: Lärm, Tempo, Regeln. Die Murmel stockte, zitterte, wollte fast zurückrollen. „Das gehört auch zu mir“, dachte Lucas bewusst, „aber es muss nicht vorne im Kopf liegen.“ Mit diesem Gedanken schoss die Kugel durch den Looping, und das Bild wurde kleiner, rutschte an den Rand der Bahn. Auf einer Wolken-Plattform sahen sie alle drei kurz eine Szene, in der sie zusammen am Boden saßen und die Bahn neu aufgebaut hatten. „Zusammen ist leichter“, sagte Lena. In diesem Moment färbte sich die Plattform in ein freundliches Gelb und blieb als kleines Licht stehen – wie ein Checkpoint in einem Spiel. Zum Schluss rollte die Murmel über eine ganz ruhige, gerade Strecke. Keine Bilder mehr, nur ein Gefühl von „Es reicht für heute“. Am Ende ploppte sie in ein kleines, leuchtendes Zielhäuschen und wurde zu einem winzigen Stern, der zur Zimmerdecke stieg und dort verblieb. „Und jetzt?“, flüsterte Lucas. „Jetzt ist deine Bahn leer“, antwortete die Stimme. „Morgen kannst du sie neu bespielen.“ Lucas lächelte im Halbdunkel. „Dann muss mein Kopf heute Nacht wenigstens nichts mehr nachrennen.“ Als sie einschliefen, fühlte es sich an, als würden ihre Gedanken gemütlich in kleinen Bahnhöfen sitzen – die Züge für morgen waren noch nicht eingefahren, und die Kugeln der Träume rollten ganz langsam, nur so schnell, wie ein Herz im Schlaf schlägt.