Teil 67 – Lucas und Lena und das Ohr der Nacht Am siebenundsechzigsten Abend war der Himmel ganz gewöhnlich – dunkelblau mit ein paar Sternen, nichts Besonderes. „Sieht aus wie immer“, sagte Lucas. „Vielleicht ist es einer von den Abenden, die man schnell vergisst“, meinte Lena. Emilia überlegte: „Oder einer, der sich versteckt, bis jemand genauer hinhört.“ Im Kinderzimmer brannte nur noch das Nachtlicht. „Heute machen wir nichts“, beschloss Lucas. „Einfach nur schlafen.“ Sie legten sich in ihre Betten und schwiegen – ausnahmsweise mal, ohne dass jemand „psst“ sagen musste. Je länger sie still lagen, desto mehr merkten sie, dass die Stille gar nicht leer war. Sie hörten das Summen der Heizung, ein Knacken im Schrank, ein fernes Auto, ein Tropfen aus dem Bad. Und darüber, ganz leise, fühlte es sich an, als würde etwas zuhören. „Habt ihr manchmal das Gefühl, die Nacht hat Ohren?“, flüsterte Emilia. „Vielleicht hört sie, ob wir heimlich noch spielen“, grinste Lucas. „Vielleicht hört sie, was wir nicht sagen“, meinte Lena. Die Dunkelheit legte sich dichter um sie, nicht schwer, eher wie eine zusätzliche Luft-Decke. Es tauchte nichts Sichtbares auf – keine Wolke, kein Fächer – aber die Luft fühlte sich neugierig und freundlich an. „Dann sagen wir der Nacht heute mal nichts“, beschloss Emilia. „Gar nichts mit dem Mund. Nur mit unserem Atmen.“ Sie legten eine Hand aufs Herz und eine auf den Bauch. Beim Einatmen dachten sie „Hier“, beim Ausatmen „Da“. Je länger sie so atmeten, desto gleichmäßiger wurden ihre Bewegungen, und es war, als merke sich das Zimmer diesen Rhythmus. Lucas spürte, wie seine Gedanken plötzlich lauter wirkten, wenn sie unruhig wurden – als würde die Nacht sie verstärken, damit er sie selbst besser hört. „Was, wenn ich morgen den Mathetest verhaue?“, dachte er, fühlte sein Herz kurz schneller schlagen und hörte seinen eigenen Satz wie von außen – weniger bedrohlich, eher wie eine Zeile in einem Heft. Bei Lena tauchte der Streit vom Nachmittag auf. In ihrem Kopf klang „War nicht so gemeint“ – und die Nacht schien diesen Satz noch einmal weicher zu wiederholen, bis er nicht mehr stach. Emilia spürte eine Sorge um jemanden, den sie vermisste; mit dem nächsten Ausatmen fühlte sie, wie diese Sorge ein Stück weiter „nach oben“ rutschte, als würde sie jemand vorsichtig auf ein höheres Regal legen. „Vielleicht ist das Ohr der Nacht dafür da, alles einmal anzuhören, was wir nicht laut sagen wollen“, dachte Emilia. Dieser Gedanke machte sie so ruhig, dass ihr Körper schwer wurde und die Augenlider warm. Draußen blieb der Himmel unspektakulär, aber im Zimmer fühlte es sich an, als hätte jemand beschlossen, nichts mehr hinzufügen zu müssen – nur zu hören. Einer nach dem anderen glitten sie in den Schlaf, mit dem Gefühl, dass die Nacht freundlich „zur Kenntnis genommen“ hatte, wie sie heute gewesen waren. Der Schlaf fühlte sich an, als würden sie in ein riesiges, unsichtbares Ohr gelegt – eines, das nicht bewertet, nicht kommentiert, sondern einfach zuhört, bis der Morgen leise sagt: „Ich hab dich gehört. Du darfst neu anfangen.“