Teil 66 – Lucas und Lena und der Atem der Wolken

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Am sechsundsechzigsten Abend war der Tag gar nicht besonders aufregend gewesen, aber Lucas, Lena und Emilia fühlten sich müde „bis hinter die Augen“.
„Ich bin nicht müde im Körper, nur im Kopf“, erklärte Lucas.
„Dann braucht dein Kopf Urlaub“, meinte Lena. „Eine Kopf-Wolke“, murmelte Emilia.

Im Kinderzimmer brannte nur noch das Nachtlicht.
„Heute bleiben wir einfach nur liegen“, beschloss Emilia. „Ohne Tür, ohne Turm, ohne Fächer.“
Sie legten sich auf den Rücken, die Hände auf den Bauch.
„Stell dir vor, dein Bauch ist ein Ballon“, sagte Lena.

Eine Weile hörten sie nur ihr Atmen.
Mit jedem Einatmen hob sich der „Ballon“, mit jedem Ausatmen senkte er sich wieder.
Je länger sie darauf achteten, desto leiser wurde alles andere – Geräusche vom Flur, Autos draußen, sogar das Ticken der Uhr.

„Was wäre, wenn unser Atmen kleine Wolken macht?“, flüsterte Emilia.
Kaum hatte sie es gesagt, erschien über jedem Bett eine zarte, graublaue Wolke mit einem Hauch Sternenlicht.
Bei jedem Ausatmen wurde sie ein bisschen größer.

In Lucas’ Wolke tauchten Umrisse auf: die Bausteinstadt aus der Nacht davor, ein Stück Wiese, ein Lichtturm – alles langsam, wie auf Watte.
In Lenas Wolke schwebten Wörter herum – „Weiter“, „Zusammen“, „Trau“ – und legten sich aneinander, ohne ein ganzes Bild zu erzwingen.
Emilias Wolke zeigte nur Farben: Garten-Grün, Regenbogen, Nacht-Blau.

„Ich glaube, sie sortieren“, flüsterte Emilia.
„Was?“, fragte Lucas.
„Was heute noch zu laut im Kopf ist. Sie tragen es nach oben, Stück für Stück.“

Ein feiner Luftzug kreiste durchs Zimmer, obwohl kein Fenster offen war.
Bei jedem Ausatmen löste sich ein winziger Funken aus den Wolken und schwebte zur Decke, wo er mit der Dunkelheit verschmolz – wie unsichtbare Sterne, die zu müde zum Leuchten sind.

„Und was bleibt dann bei uns?“, fragte Lena.
„Nur das, was leicht genug ist, um drin bleiben zu dürfen“, sagte Emilia.
„Dann bin ich morgen innen vielleicht leichter als heute“, murmelte Lucas.

Die Wolken wurden immer durchsichtiger.
„Können sie platzen?“, fragte Lucas schläfrig.
„Nein“, antwortete Emilia. „Sie lösen sich auf, wenn sie fertig sind.“
„So wie man eine Geschichte zu Ende erzählt“, gähnte Lena.

Kurz bevor sie einschliefen, fühlten alle drei dasselbe:
Als würden die Wolken ein letztes Mal tief einatmen – und dann ihren Inhalt vorsichtig in den Himmel pusten.
Draußen schienen die Sterne einen Augenblick lang näher zu rücken, als hätten sie etwas Neues dazubekommen.

Der Schlaf fühlte sich an, als lägen sie auf großen, weichen Wolken, die genau wussten, welche Gedanken sie heute tragen müssten – und welche sie leise in die Nacht hinausatmen durften.


Created 2026-06-14 18:44:42 CEST by Sascha Jelinek
Updated 2026-06-14 18:54:50 CEST by Sascha Jelinek