Teil 64 – Lucas und Lena und die flüsternde Wiese
Am vierundsechzigsten Abend durften Lucas, Lena und Emilia noch einmal auf die Wiese hinter dem Haus.
Das Gras war vom Tag noch warm, roch nach Sommer, und über ihnen leuchteten die ersten Sterne, als würden sie sich langsam ans Dunkel gewöhnen.
„Hört ihr das?“, fragte Emilia.
Lucas lauschte. „Nur Grillen.“
„Und ein bisschen Wind“, meinte Lena.
Emilia legte die Hände ins Gras. „Nein, die Wiese“, flüsterte sie.
Unter ihren Fingern kribbelte es, als würden die Halme miteinander tuscheln.
Vor ihrem inneren Auge blitzten kleine Bilder auf: ein verlorenes Kuscheltier, ein halb fertiger Regenbogen, barfüßige Kinderfüße im Frühling.
„Die Wiese merkt sich alles“, stellte Lena fest. „Vielleicht ist sie deshalb so voll, dass sie nicht schlafen kann.“
Da glitt ein schmaler, heller Streifen über die Wiese – wie ein liegender weißer Regenbogen vom Platz, an dem sie lagen, bis zum Baum mit der Schaukel.
Er schimmerte kurz und wurde wieder durchsichtig.
„Vielleicht ist das ein Satz“, murmelte Lena. „Manchmal braucht eine Geschichte nur einen Satz, um Ruhe zu geben.“
„Dann schenken wir der Wiese Sätze“, beschloss Emilia.
Sie legten sich flach hin, Hände im Gras.
Lucas flüsterte nach unten: „Du hast gut aufgepasst, als wir laut waren. Jetzt darfst du leise sein.“
Unter seiner Hand fühlte sich der Boden an, als würde er tief ausatmen.
Lena dachte an alle Tränen, die hier schon gefallen waren.
„Nichts ist umsonst geweint“, sagte sie. „Du darfst loslassen.“
Um ihre Finger wurde das Gras spürbar wärmer, als lege sich eine Decke darüber.
Emilia dachte an all die Pläne, die sie hier geschmiedet hatten.
„Du musst nicht alles heute tragen“, flüsterte sie. „Die restlichen Träume bringen wir nach und nach.“
Das leise Knistern im Boden verstummte, das Flüstern der Wiese wurde ganz schwach.
Nach und nach verlosch das zarte Leuchten an einzelnen Halmen, die Wiese lag still im Mondlicht.
„Jetzt schnarcht sie ein bisschen“, sagte Emilia und grinste. „Aber sehr freundlich.“
Auf dem Rückweg sahen sie beim Baum noch für einen Herzschlag eine schmale, leuchtende Linie am Boden – dann war sie verschwunden.
Im Bett fühlte sich der Schlaf an, als würden sie selbst zu drei kleinen Sätzen, die sich in eine große Geschichte kuscheln: die Geschichte einer Wiese, die endlich genug gehört hatte, um einmal richtig auszuschlafen.