# Teil 63 - Lucas und Lena und die Wege aus Licht

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Am dreiundsechzigsten Abend sah der Himmel aus, als hätte jemand die Wolken in dünne, schimmernde Fäden gezogen.  
Zwischen ihnen hingen zarte Farbstreifen, die kurz aufflammten und wieder verblassten – wie Regenbögen, die nicht wussten, ob sie zum Tag oder zur Nacht gehören.

„Vielleicht probt der Himmel für einen neuen Traum“, meinte Lucas.  
Emilia sagte: „Oder er malt Wege.“  
Später im Dunkeln schimmerte draußen immer noch ein Rest dieser Farben; kein Fächer vibrierte, es war nur diese seltsame bunte Müdigkeit im Zimmer.

Plötzlich hörten sie ein leises Klacken, als würde ein Schlüssel in eine unsichtbare Tür drehen.  
An der Zimmerwand zeichnete sich die Kontur eines schmalen Turms ab, der von innen heraus aus Licht wuchs.  
Ganz oben hatte er eine kleine Plattform, von der drei dünne Lichtwege in verschiedene Richtungen in den Himmel hinausführten.

Am Fuß des Turms öffnete sich eine runde Öffnung in der Wand, gerade groß genug für ein Kind.  
Innen gab es keine Stufen; der Boden stieg sanft an, als würden sie einen leichten Hügel hinaufgehen.  
Oben sahen sie eine Landschaft aus schwebenden Wegen – wie Regenbögen ohne Regen, jeder in einer eigenen Farbe: tiefblau, warmgelb, zartgrün und ein fast unsichtbarer, sehr heller.

Eine Gestalt aus halbtransparenten Farben trat zu ihnen: mal mehr Blau, mal mehr Gelb, mal mehr Rosa.  
„Ich bin der Wegwächter“, sagte sie. „Ich passe auf Wege auf, die Kinder in ihren Gedanken anfangen und dann vergessen, weil der Tag dazwischenkommt.“

Auf dem tiefblauen Weg erschien ein Kind, das nachts den Garten bis zur alten Bank hinuntergehen wollte und sich nie traute.  
„Ein Mutweg“, erklärte der Wegwächter.  
Auf dem warmgelben Weg sahen sie ein Kind, das seinen alten Schulweg im Kopf behalten wollte und nach dem Umzug doch Häuser vergaß – ein Erinnerungsweg.  
Auf dem zartgrünen Weg ein Kind, das allein den Hügel hinter dem Dorf erklimmen wollte, sich aber nie „alleine“ traute – ein Allein-sein-dürfen-Weg.

Der fast unsichtbare Weg gehörte ihnen.  
„Er ist noch durchsichtig, weil ihr noch nicht entschieden habt, was für ein Weg er wird“, sagte der Wegwächter.  
Vor jedem der drei Wege erschien ein kleiner, leuchtender Stein.  
„Setzt euren Fußabdruck hinein – nicht mit Schuhen, mit dem, was ihr euch traut.“

Lucas stellte sich auf den blauen Stein.  
„Ich lasse meinen Fuß hier“, sagte er. „Für den Jungen im Garten.“  
Der Mutweg leuchtete ein Stück weiter in die Dunkelheit.  
Lena setzte sich auf den gelben Stein und legte die Hände darauf: „Für das Kind, das seinen alten Schulweg nicht vergessen will.“  
Kleine Lichter tauchten am Erinnerungsweg auf.  
Emilia kniete auf den grünen Stein und ließ ihren Atem fließen: „Für das Kind auf dem Hügel, damit der Wind leiser klingt.“  
Der grüne Weg wurde ein wenig breiter.

„Euer eigener Weg“, sagte der Wegwächter, „führt heute zurück in euer Zimmer. Er wird aus all den Abenden gezeichnet, die ihr schon erlebt habt.“  
Der fast unsichtbare Weg schimmerte kurz und führte direkt zu ihren Betten.  
Die Plattform unter ihnen wurde weich, der Turm durchsichtig, die Wege verschwammen – im nächsten Moment lagen sie wieder im Dunkeln in ihren Betten.

An der Wand war kein Turm mehr, nur ein dünner, farbiger Faden am Fenster – wie der Rest eines Regenbogens.  
„Welcher Weg hat dir am besten gefallen?“, flüsterte Lena.  
Lucas: „Der blaue.“  
Lena: „Der gelbe.“  
Emilia: „Der grüne – weil allein nicht gleich einsam ist.“

Der Schlaf fühlte sich an, als würden sie selbst zu einem kleinen, hellen Stück Weg werden, der sich jede Nacht ein bisschen weiterzeichnet – egal, ob sie träumen, wach sind oder irgendwo dazwischen schweben.