Teil 56 – Lucas und Lena und die leise Bibliothek der Träume
Am sechsundfünfzigsten Abend, nach der Nacht, in der der Himmel gewackelt hatte, fühlte sich alles wieder normal an – fast zu normal.
Nur der Sternenfächer vibrierte manchmal kurz, als müsste er gähnen.
In der nächsten Nacht konnten Lucas, Lena und Emilia nicht einschlafen.
Sie wälzten sich im Bett, als würden ihre Gedanken keinen Platz finden.
Schließlich klappte Lucas den Sternenfächer auf – und diesmal erschien nur ein winziger Lichtpunkt, wie ein Punkt hinter einem Satz.
Ein dünnes Lesezeichen aus Mondschein glitt aus dem Fächer, schwebte zur Tür und zog eine leuchtende Linie in die Luft.
Die drei folgten ihm barfuß – durch eine Tür, die sich plötzlich wie eine Buchseite anheben ließ.
Dahinter lag ein langer Raum voller Regale, so hoch, dass man die Decke nicht sah.
In ihnen steckten unzählige glühende Bücher, deren Rücken in warmen Farben leuchteten.
„Willkommen in der leisen Bibliothek der Träume“, sagte der Sternenfreund und trat zwischen zwei Regalen hervor.
„Jeder Traum, an den sich ein Kind irgendwann erinnern möchte, wird hier abgelegt“, erklärte er.
„Aber manche Träume finden ihren Platz nicht, wenn Kinder zu schnell groß werden oder zu müde sind, sie zu merken. Heute Nacht seid ihr Bibliothekshelfer.“
Vor ihnen erschienen drei dünne, offene Bücher.
Statt Wörter zeigten sie nur feine, helle Linien – wie angefangene Skizzen.
„Legt eure Hand darauf, dann seht ihr, wem der Traum gehört“, sagte der Sternenfreund.
Lucas sah einen Jungen, der nachts zum ersten Mal ohne Stützräder fahren wollte und immer kurz davor aufwachte.
Lena sah ein Mädchen, das sich ein friedliches Kissen-Dorf baute, bevor das Morgenlicht alles wegwischte.
Emilia sah ein Kind, das im Traum fliegen wollte, aber immer kurz vor dem Abheben ins Wachsein zurückfiel.
„Gebt ihnen je ein Wort, damit sie den Traum wiederfinden“, bat der Sternenfreund.
„Ein Wort reicht – wenn es von Herzen kommt.“
Lucas flüsterte in sein Buch: „Weiter.“
Auf der Seite erschien eine Linie, die nicht mehr plötzlich endete.
Lena hauchte: „Zusammen“, und die kleinen Häuser in ihrem Traumdorf leuchteten von innen.
Emilia legte die Stirn auf ihre Seite und sagte: „Trau.“
Ihr Buch glomm auf, als würde jemand eine Tür in den Himmel öffnen.
Die drei Bücher schlossen sich sanft, schwebten davon und fanden ihren Platz im Regal – nun etwas heller als die anderen.
„Vielleicht träumen diese Kinder heute Nacht einfach ein Stück weiter“, sagte der Sternenfreund.
Dann zeigte er auf ein kleines Fach am Boden: ein schmales Buch mit drei Linien – blau, rosa, gelb.
„Das ist eure Reihe“, lächelte er. „Sie wächst jede Nacht ein bisschen.“
Der Raum wurde heller und wieder dunkel, die Regale verschwammen.
Im nächsten Augenblick lagen Lucas, Lena und Emilia wieder in ihren Betten, der Sternenfächer geschlossen auf dem Nachttisch.
„Welches Wort war deins?“, flüsterte Lena.
„Weiter“, murmelte Lucas.
„Zusammen“, sagte Lena.
„Trau“, flüsterte Emilia.
Und als sie die Augen schlossen, fühlte sich der Schlaf an wie ein Regal, in das sie sich selbst vorsichtig hineinlegten – mit genug Platz für alle Träume, die noch kommen sollten.