Teil 55 – Lucas und Lena und die Nacht, in der der Himmel wackelte Am fünfundünfzigsten Abend war es so still im Haus, dass Lucas das eigene Herz hören konnte. Der Sternenfächer lag auf dem Nachttisch – bis er plötzlich vibrierte und sich von selbst öffnete. Die Dunkelheit im Zimmer wurde tiefer, als hätte jemand daran gezogen. Über den Betten erschien der Sternenfreund, sein Leuchten flackerte unruhig, und winzige Lichtsplitter schwebten um ihn herum. „Ihr drei“, sagte er leise, „heute Nacht wackelt der Himmel.“ Er zeigte zur Decke – dort war nun der echte Nachthimmel zu sehen. Sternbilder rutschten auseinander, ein paar Sterne hingen schief, als wüssten sie nicht, wohin sie gehörten. „Heute ist die Nacht des großen Sternenrückens“, erklärte der Sternenfreund. „Alle Sterne wechseln leise ihren Platz – aber diesmal hat jemand zu früh an ihnen gezogen. Jetzt fühlen Kinder auf der ganzen Welt, dass ihr Himmel falsch steht.“ „Was sollen wir tun?“, fragte Lena. „Ich brauche Hände, die den Himmel kurz festhalten“, antwortete der Sternenfreund. „Kinderhände sind leicht genug, um nichts zu zerbrechen.“ Er pustete, und drei Lichtbahnen legten sich wie Armbänder um die Handgelenke von Lucas, Lena und Emilia. Im nächsten Moment standen sie auf einem unsichtbaren Balkon über der Welt, unter sich Städte und Meere, über sich der wackelnde Sternenhimmel wie ein riesiges Tuch. „Haltet euch hier fest“, sagte der Sternenfreund und zeigte auf drei silbrig flimmernde Stellen im Himmel. Lucas spürte ein Ziehen in der Brust, als er seine Stelle „berührte“, und dachte an ein Kind, das am Fenster seinen Lieblingsstern suchte. Lena fasste ein fast zerrissenes Sternbild, das wie eine Hand aussah. „Diese Hand bleibt“, flüsterte sie und zog die Sterne wieder zusammen. Emilia stellte sich vor, eine helle Stadt unter ihr würde für einen Moment die Lichter leiser drehen, damit ein schiefer Sternhaufen seinen Platz findet. Langsam hörte der Himmel auf zu wackeln. Sternbilder glitten zurück in ihre Formen, lose Sterne fanden einen Platz, und irgendwo auf der Welt schlossen wache Kinder wieder die Augen. „Geschafft“, sagte der Sternenfreund müde. Die Lichtarmbänder lösten sich und trugen die drei zurück in ihre Betten, als wären sie nie fort gewesen. Der Sternenfächer lag nun offen auf dem Nachttisch, in seinen Lamellen vibrierte ein leises Nachzittern. „Ich glaube, der Himmel hat sich bei uns bedankt“, murmelte Lucas. Lena lächelte im Dunkeln. „Episch genug“, flüsterte sie – und diesmal schliefen alle drei fast gleichzeitig ein. Draußen lag der Himmel ruhig über dem Haus, klar und still. Vielleicht hätte man, wenn man ganz genau hinhörte, noch ein winziges Knistern vernommen – als Erinnerung an drei unsichtbare Fäden, die für eine Nacht die Welt ein bisschen fester zusammengehalten hatten.