Teil 54 – Lucas und Lena und der Flüsterwald aus Papier

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Am vierundfünfzigsten Abend nach den stillen Wünschen lag der Sternenfächer auf Lucas’ Schreibtisch.
„Glaubst du, unser Wunschstern hat sein Kind schon gefunden?“, fragte Lena.
Bevor Lucas antworten konnte, vibrierte der Fächer und klappte von selbst auf.

Statt eines Lichtbandes sprang ein dünnes, silbernes Papierband heraus und schwebte wie eine Feder durchs Zimmer.
Es kringelte sich um Lucas’ Finger und glitt zur Tür, als wolle es ihnen den Weg zeigen.
Barfuß schlichen Lucas, Lena und Emilia hinterher.

Im Flur öffnete sich vor ihnen ein schmaler Spalt in der Luft – wie eine Tür zwischen zwei Buchseiten.
„Das ist bestimmt keine gute Idee“, flüsterte Emilia.
„Deshalb ist es ja ein Abenteuer“, sagte Lena und nahm Lucas an der Hand.

Sie traten hindurch – und standen in einem Wald, dessen Bäume aus gefalteten Papierseiten bestanden.
Über ihnen spannte sich ein riesiges, offenes Buch wie ein Himmel.
Zwischen zwei Seiten löste sich eine vertraute Lichtgestalt: der Sternenfreund, heute ganz zart und durchsichtig.

„Willkommen im Flüsterwald aus Papier“, sagte er leise.
Die Papierbäume rauschten, und auf ihren Blättern standen winzige, halbfertige Sätze.
„Das sind Wünsche und Mut-Sätze von Kindern, die nie ganz ausgesprochen wurden“, erklärte der Sternenfreund.

Neben jedem von ihnen wuchs ein kleiner Papierbaum mit eingerollten Zetteln an den Zweigen.
„Eure Aufgabe“, sagte der Sternenfreund, „ist es, genau einen Zettel zu finden, der heute Nacht fertig werden darf – nicht mit euren Händen, sondern mit eurer Art zuzuhören.“

Lucas legte seine Hände an den Baum und schloss die Augen.
Vor seinem inneren Auge sah er einen Jungen vor einer Klasse stehen, die Stimme ganz leise.
In Gedanken sagte Lucas: „Es ist okay, aufgeregt zu sein. Deine Stimme gehört hierher.“

Lena dachte an ein Mädchen am Fenster, das flüsterte: „Bitte hört auf zu streiten.“
Sie setzte sich in Gedanken zu ihr und sagte: „Du bist nicht schuld. Deine Sorgen dürfen leise und trotzdem wichtig sein.“

Emilia hörte einen Jungen lachen, der viel mutiger klang, als er sich fühlte.
In ihrer Vorstellung fragte er: „Darf ich auch mal Nein sagen?“
Emilia antwortete still: „Ja. Dein Nein ist ein Ja zu dir selbst.“

Die drei ausgewählten Zettel begannen zu leuchten.
Der Sternenfreund tippte sie an, und die Papierstreifen lösten sich in feine, schimmernde Flocken auf, die zwischen den Buchseiten verschwanden.
„Manchmal brauchen Wünsche keinen Stern“, sagte er, „sondern jemanden, der sie hört, bevor sie ausgesprochen werden.“

Der Flüsterwald wurde blasser, der Spalt in der Luft tauchte erneut auf.
„Es ist Zeit für euch, nach Hause zu gehen“, sagte der Sternenfreund.
„Nur, wenn der Flüsterwald euch braucht – und wenn ihr leise genug seid, ihn zu hören“, fügte er hinzu.

Im Hausflur lag das silberne Papierband nun gefaltet auf dem Boden, als wäre es nur ein kleines Lesezeichen.
Später im Bett war es ganz still, doch die Stille fühlte sich warm an – als würde irgendwo ein Papierwald leise rascheln.
Und irgendwo auf der Welt hatten drei Kinder ein kleines bisschen mehr Mut im Bauch, ohne zu wissen, dass Lucas, Lena, Emilia und der Sternenfreund an sie gedacht hatten.


Created 2026-05-30 19:48:05 CEST by Sascha Jelinek
Updated 2026-05-30 19:54:08 CEST by Sascha Jelinek