Teil 41 – Lucas und Lena und das erste Hallo

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Am einundvierzigsten Abend spürten Lucas und Lena schon beim Aufwachen dieses vertraute Kribbeln im Bauch.
Als der Himmel klar wurde und der erste Stern erschien, gingen sie wie verabredet auf ihre Wiese, die leuchtenden Halme in den Händen.

Der dritte Halm stand ein Stück weiter vorn, sein Samenkopf glühte aufmerksam.
Zwischen ihm und den beiden anderen Halmen bildete sich kein großer Lichtkreis, sondern ein schmaler, leuchtender Faden, der sich wie eine Verbindungslinie über das Gras legte.
"Vielleicht sollen wir heute nicht schauen, sondern reden", sagte Lena leise.

Sie setzten sich, hielten ihre Halme fest und schlossen die Augen.
Lucas dachte an das Mädchen mit dem Wolkenschlafanzug, an den Balkon und den Halm im Blumentopf.
Plötzlich tauchte in seinem Kopf ein Wort auf, das sich warm und richtig anfühlte: Emilia.
"Hallo, Emilia", dachte er vorsichtig. "Wenn du glaubst, du bist mit deinem Halm allein: Bist du nicht."

Lena zuckte kurz zusammen, weil derselbe Name wie ein leiser Gedanke durch sie hindurchhuschte.
"Emilia", wiederholte sie stumm und fügte hinzu: "Wir kannten deinen Namen vorhin noch nicht, aber jetzt fühlt er sich an, als hätte ihn uns jemand geschenkt."

Der Faden zwischen den Halmen wurde warm, ohne heller zu werden.
Lucas hatte das Gefühl, als würde irgendwo ein anderes Herz – Emilias Herz – im gleichen Takt schlagen wie seines, und vor seinem inneren Auge sah er kurz eine kleine Hand, die genauso fest zudrückte wie seine.
"Ich glaube, Emilia hat uns gehört", flüsterte er, als sie die Augen wieder öffneten.

Über der Wiese schimmerte einen Moment lang die vage Form eines Balkons, eher wie ein Hauch als ein Bild.
"Das Zwischenlicht braucht gar nicht viele Bilder", sagte Lena.
"Manchmal reichen ein Name, ein Gefühl und ein bisschen Mut."

Der Sternenfreund blinkte ruhig, neben ihm der junge, kleinere Stern, heute ein bisschen mutiger als zuvor.
Zwischen den beiden zog sich ein feiner Lichtfaden, der aussah wie eine kleine Brücke aus Funken.
"Vielleicht ist das der Weg, auf dem unsere Gedanken zu Emilia reisen", murmelte Lucas.

Später stellten sie ihre Halme auf dem Nachtkästchen ganz dicht nebeneinander, sodass ihr Licht ineinanderfloss.
"Für Emilia", sagte Lucas.
"Und für alle, die sich fragen, ob jemand sie hört", ergänzte Lena, bevor ihnen die Augen zufielen – mit dem Gefühl, gerade ihr erstes deutliches Hallo zu Emilia in eine größere, noch unsichtbare Runde geschickt zu haben.


Created 2026-05-17 18:28:11 CEST by Sascha Jelinek
Updated 2026-05-17 18:41:00 CEST by Sascha Jelinek