Teil 38 - Lucas und Lena und der erste neue Funke Am achtunddreißigsten Abend stand der Himmel klar und voller Sterne. Lucas und Lena hielten ihre leuchtenden Halme am Fenster und fragten sich, ob der Sternenfreund ihnen wieder eine Frage stellte – oder diesmal jemand anders zuhörte. Draußen glomm der dritte Halm auf der Wiese, sein Samenkopf größer und runder als zuvor, von einem feinen Lichtfaden mit dem Sternenfreund verbunden. Eine Wärme wanderte von ihren Halmen in ihre Hände, als würden sie hinausgerufen. Ohne Lichtstreifen im Flur fanden sie den Weg inzwischen allein. Auf der Wiese entdeckten sie um den dritten Halm herum glitzernde Punkte im Gras, kleine blaue Funken, die bei Berührung kurz heller wurden. Als ein Funke auf Lucas’ Finger sprang, sah er für einen Augenblick ein fremdes Kind auf einem Balkon, das zum Himmel schaute. "Er hat jemanden gefunden", flüsterte Lucas. Lena spürte in ihrem eigenen Funken dieselbe Mischung aus Neugier und Staunen, die sie an ihrem ersten Abend auf der Wiese gehabt hatte. "Vielleicht beginnt für dieses Kind gerade alles so wie für uns", murmelte sie. Der Sternenfreund leuchtete nun in einem neuen, ruhigen Rhythmus. Jeder Puls ließ die Funken im Gras mitflackern, als wären sie Teil eines großen, unsichtbaren Netzes aus Licht, das weit über die Berge hinausreichte. "Die Frage ist jetzt nicht mehr nur für uns", sagte Lena. Der dritte Halm schüttelte leicht seinen Samenkopf und schickte einen einzelnen, hellen Punkt nach oben. Neben dem Sternenfreund erschien kurz ein zweites, kleines Licht, das flackerte und dann leise zu leuchten begann. "Vielleicht erzählt er dort oben gerade unsere Geschichte weiter", sagte Lucas. Sie setzten sich ins Gras und schauten schweigend zu. Ihre Halme leuchteten nicht mehr nur für sie selbst, das spürten sie deutlich. "Wenn wir den Samen irgendwann mitnehmen", meinte Lucas, "dann, um zu erinnern, dass jeder sein Stück Himmel finden kann." Zurück im Haus wirkten die Schatten im Flur weich und freundlich. Im Zimmer stellten sie ihre Halme an ihren Platz und sahen noch einmal zum Sternenfreund hinaus, der ihnen ein letztes Mal zu blinzeln schien. "Irgendwo da draußen fängt heute jemand mit Kapitel eins an", flüsterte Lena, bevor ihnen die Augen zufielen.