# Teil 32 - Lucas und Lena und die Nacht ohne Wiese [![image.png](https://bookstack.jelinek-rz.de/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/YMeimage.png)](https://bookstack.jelinek-rz.de/uploads/images/gallery/2026-05/YMeimage.png) Am zweiunddreißigsten Abend war der Himmel grau und schwer. Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, und ein Wind heulte um das Haus. Lucas und Lena stellten sich ans Fenster und sahen traurig hinaus auf die nasse, dunkle Welt. „Heute können wir nicht zur Wiese“, seufzte Lucas. Lena legte vorsichtig ihre Hand auf die Sternenflaschen, die Traumbrille und den kleinen Stadtstein auf dem Nachtkästchen. „Vielleicht kommt die Wiese heute zu uns“, sagte sie halb hoffnungsvoll, halb zweifelnd. Der Sternenfreund war hinter den Wolken versteckt, doch irgendwo ganz oben spürten sie sein leises Leuchten. Sie beschlossen, einfach so ins Bett zu gehen, mit all ihren kleinen Schätzen neben sich. Lucas setzte im Liegen kurz die Traumbrille auf, obwohl er nur die Zimmerdecke sehen konnte. Doch nach einem Moment begann das Licht der Brille, sich im Zimmer zu verteilen: Der Schatten der Lampe wurde zu einem Hügel, der Kleiderschrank zur Silhouette des Sternenbaumhauses, und die Decke verwandelte sich langsam in einen weiten Himmel voll unsichtbar‑sichtbarer Sterne. „Siehst du das auch?“ flüsterte er. Lena nickte, obwohl sie gar nicht sicher war, ob sie das Gleiche sah – aber sie fühlte das Gleiche. In ihren Ohren klang das ferne Tuten des Sternenzugs, und unter ihren Händen vibrierte der Nachtisch ganz leicht, als würden sich dort winzige Schritte bewegen. Die Traumbrille leuchtete kurz auf und legte eine feine Lichtlinie zwischen alle Gegenstände: vom Erinnerungsstern zur Stadt, von dort zu den Fläschchen und wieder zurück. Die Linien bildeten ein Muster, das aussah wie eine winzige Karte ihrer Wiese – nur dass sie diesmal mitten in ihrem Zimmer lag. „Vielleicht ist es egal, wo wir sind“, sagte Lena nachdenklich. „Solange wir uns erinnern und daran glauben, kann der Sternenfreund uns überall finden.“ In diesem Moment flackerte das Licht im Zimmer kurz, und für einen Herzschlag lang sahen sie an der Zimmerdecke den Umriss ihres Sternenfreunds – wie einen besonders hellen Punkt inmitten vieler kleiner Lichter. Sie schliefen ein, ohne die Wiese besucht zu haben, und hatten doch das Gefühl, dass die Wiese sie ganz sanft besucht hatte. Der Regen draußen klang plötzlich weniger laut, fast wie ein leises Klatschen, als ob der Himmel ihnen applaudieren würde, weil sie ihre Träume nicht vergessen hatten.