Teil 29 - Lucas und Lena und das Sternenbaumhaus Am neunundzwanzigsten Abend fühlte sich die Wiese besonders vertraut an, fast wie ein zweites Zuhause. Lucas und Lena legten ihre Sternenflaschen, die Traumbrille und die Hälften des Erinnerungssterns wie immer ins Gras, direkt nebeneinander. Der Sternenfreund funkelte heute ruhig, als hätte er etwas Langes, Geduldiges vorbereitet. Ein sanftes Leuchten begann hinter dem nahen Hügel. Aus dem Dunkel wuchsen langsam die Konturen eines Baumes empor – doch er war nicht wirklich da, eher ein Bild, das trotzdem Schatten warf. In seiner Krone entstand ein kleines Baumhaus aus Sternenholz und Lichtlatten, die wie silberne Stäbe schimmerten. Eine schmale Leiter aus glühenden Punkten führte nach oben. „Ein Baumhaus!“ rief Lucas, und sein Herz klopfte aufgeregt. Das Baumhaus schien sie zu rufen, denn ein Lichtstreifen legte sich wie ein Weg von der Wiese zur ersten Sprosse. Lucas und Lena nahmen ihre Fläschchen in die Hand, und jedes Mal, wenn ein Schritt sie näher brachte, leuchtete eine neue Stufe auf. Oben angekommen traten sie in das Baumhaus hinein. Innen waren die Wände mit ihren eigenen Erinnerungsbildern geschmückt – jede Wand zeigte ein anderes Abenteuer: die Regenbogen‑Brücke, die Sternenschaukel, das Wolkenboot und die Traumwolkenstadt. Doch zwischen den Bildern waren kleine, leere Rahmen, die noch darauf warteten, gefüllt zu werden. „Die leeren Rahmen sind für das, was wir noch erleben werden“, flüsterte Lena und setzte die Traumbrille auf. Durch die Gläser wurden einige der leeren Rahmen plötzlich lebendig: Sie sah darin eine leuchtende Stadt am Meer, den Sternenzug und sogar eine Nacht, in der sie nicht auf die Wiese gehen konnten, der Sternenfreund aber trotzdem bei ihnen war. Lucas sah ähnliches, aber in seinen Rahmen blitzten auch andere Bilder auf – Momente, in denen er jemandem Mut machte oder sich etwas traute, was er sich sonst nicht zugetraut hätte. In der Mitte des Baumhauses stand ein kleiner Tisch aus Licht. Darauf lag ein winziges, offenes Buch, dessen Seiten noch leer waren. Als Lucas und Lena ihre Fläschchen daneben stellten, erschien auf der ersten Seite wie von selbst eine feine Zeichnung von ihnen beiden, Arm in Arm unter dem Sternenhimmel. Darunter stand in leuchtenden Buchstaben: „Hier beginnt, was weitergeht.“ Als sie das Baumhaus wieder verließen, blieb es noch als sanfter Schatten im Dunkel stehen. Doch als sie die Wiese erreichten und sich umdrehten, war nur noch der Baum als dunkle Silhouette zu sehen. „Vielleicht sehen wir das Baumhaus nur dann, wenn wir bereit sind, etwas Neues zu erleben“, sagte Lucas nachdenklich. Später im Bett stellten sie sich vor, wie das Sternenbaumhaus jede Nacht ein kleines bisschen voller wird – mit Bildern, die noch gar nicht passiert sind, aber schon einen Platz in ihren Herzen haben.